Leseprobe Die Sehnsucht in der Mitte der Nacht

Das verkaufte Kind

„Entschuldigen Sie bitte, mein Herr, wir schließen soeben“, die Frau, sie mochte gut 40 Jahre alt sein, hatte das Schild “Geschlossen“ schon in der Hand und wollte es gerade an die Eingangstüre des Cafés hängen. Ein Blick auf den jungen Mann, der vor ihr im Gegenlicht der spätsommerlichen Abendsonne stand und sie seltsam angespannt ansah, ließ sie zögern: „Nun gut, ein Kaffee geht schon noch, wenn Sie möchten … bitte schön …“, sie hielt ihm die Türe auf. 
Er trat ein und setzte sich in eine schon dunkel werdende Ecke des Cafés. „Einen Cappuccino, bitte“, seine Stimme war leise, aber angenehm. Die Frau musterte ihn unauffällig, während sie die Kaffeemaschine nochmals einschaltete und das Sieb mit dem dunklen fein gekörnten Espresso füllte.
„Ein besserer Herr, Mitte zwanzig – würde ich schätzen, nicht von hier, der Mantel aus feinstem Tuch, glänzend gestriegelte Lederschuhe, vermutlich aus Italien …“ Wie immer galt ihr erster Blick den Schuhen ihrer Gäste. Daran machte sie fest, wer er war und woher er kam. Und sie lag selten falsch damit. Sie stellte den dampfenden Kaffee vor ihn hin: „Ein Stück Kuchen oder Gebäck dazu?“
Er schüttelte den Kopf, nahm die große bauchförmige Kaffeetasse mit dem goldfarbenen Schriftzug „bei Lena“ in beide Hände und nahm einen großen Schluck. 
„Wohl bekomm´s“, die Wirtin lächelte ihn freundlich an und bewunderte seine zarten langgliedrigen Hände. „Keine Arbeiterhände, eher Künstlerhände“, dachte sie, und laut fragte sie: „Sind Sie zu Besuch hier in der Stadt?“ 
„… Einiges zu erledigen“, der späte Gast murmelte und dann etwas deutlicher: „Ja, ich gebe im Rahmen der Kulturwochen ein Konzert im Schloss“. Schweigend trank er seinen Kaffee.
„Oh – wie schön, Klavier?“ 
Der Fremde hob das erste Mal den Blick: „Ja – woher wissen Sie?“ 
Die Wirtin lächelte verschmitzt und zeigte auf seine Hände. Dann zog sie sich an die Theke zurück und fing an, die Kaffeemaschine zu säubern. 
Unauffällig musterte der schweigsame Gast sie. Ihr blondes langes Haar, schon von ein paar silbernen Strähnen durchzogen, fiel bis auf die Schultern und leuchtete hell aus dem dämmrig werdenden Raum des Cafés. Es erinnerte ihn unwillkürlich an ein wogendes Weizenfeld. Von ihrem schlichten, dunkelblauen Kleid hob sich ein Bernsteinamulett in Herzform ab, das die letzten Sonnenstrahlen auffing und golden reflektierte. „Eine schöne Frau … sympathisch, ich hätte sie mögen können … “, ging es ihm durch den Kopf. Dann erhob er sich unvermittelt, trat zur Theke und stand nun der Frau direkt gegenüber: „Warum hast du mich weggegeben, Mutter?“ 
Die Frau, eben noch ein Lächeln im Gesicht, wurde leichenblass. Alles Blut wich aus ihrem Herzen und sie glaubte, in Ohnmacht zu fallen. Sie sank auf einen Stuhl. „Mein Gott, Friedrich …“, die Stimme versagte ihr. 
Der junge Mann setzte sich an die Bar und keiner-lei Gefühlsregung war ihm anzumerken. Sein Blick war starr und er wiederholte monoton die Frage: „Warum hast du mich weggegeben?“ 

Eine endlos scheinende Weile herrschte beklemmende Stille in dem kleinen Café. Lena, ursprünglich auf Magdalena getauft, hob ein paar Mal an zu sprechen, doch es schien, als würde ihre Stimme versagen. Nur ein Stammeln und Schluchzen war vernehmbar und ein paar Satzfragmente: „… so jung, die Zeit damals, die Not …“ Schließlich fasste sie sich wieder: „Warte hier, ich werde dir etwas zeigen …“ 
Mühsam, wie um Jahre gealtert, stieg sie die Wendeltreppe im hinteren Teil des Cafés empor. Dort oben lagen ihre Wohnräume. Sie öffnete einen Wandschrank, kramte eine Zeit lang in den oberen Regalen und fand schließlich die große weiße Kiste mit einem roten Band verschnürt. Sie nahm sie heraus und stieg damit die Stufen wieder hinunter in den Gastraum. 
Doch der Platz, wo ihr Gast gerade noch gesessen hatte, war leer. 
Erschöpft, wie nach einem langen schweren Lauf, ließ sie sich auf den Stuhl fallen, der noch warm von ihm war. 
Mit zitternden Händen hielt sie die Kiste im Schoß. Nein, sie brauchte sie nicht zu öffnen, sie kannte den Inhalt mit geschlossenen Augen, jedes einzelne Stück darin. Wie gerne hätte sie es ihm gezeigt, alles erklärt – warum nur hatte er nicht gewartet? Wollte er nichts mit ihr zu tun haben? Aber warum war er dann gekommen? Und warum jetzt  - nach 26 Jahren?

Und plötzlich ist ihr, als gebe der Boden unter ihr nach und es öffne sich ein Schlund, der sie unaufhaltsam hinunterzieht in jene Zeit der Wirren, in der alles begann.


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